18. Anatomy of Autonomy - Part 1
„Anatomy of Autonomy“ (Anatomie der Autonomie) präsentiert sich als zweiteiliges Werk, bestehend aus vier großformatigen, handgetufteten Wollteppichen und einer Videoprojektion im Format 16:9, die fünfunddreißig digitale Schwarz-Weiß-Zeichnungen nacheinander zeigt.
Das Projekt entspringt einer kritischen Reflexion über den zeitgenössischen militärisch-finanziell-kolonialen Komplex, der die aktuelle geopolitische Ordnung prägt – gekennzeichnet durch den Aufstieg konkurrierender imperialer Blöcke, autoritärer Regierungen und die Aushöhlung des Völkerrechts. In diesem Umfeld von Unterdrückung und systemischer Gewalt stellt das Werk die Frage: Welche Rolle können Kunst und Kultur sinnvollerweise spielen? Anstatt Kunst als Kommentar oder symbolischen Widerstand zu positionieren, schlägt „Anatomy of Autonomy“ eine infrastrukturelle Antwort vor. Die Teppiche übersetzen abstrakte politische Diagramme in taktile, räumliche Formen und verankern systemische Kritik in materieller Präsenz. Die projizierten Zeichnungen fungieren als visueller Essay – sie kartografieren Machtstrukturen, Brüche und potenzielle Konvergenzpunkte zwischen internationalen Kampfbewegungen. Das Projekt argumentiert, dass Autonomie nicht bloß ästhetisch oder rhetorisch sein darf; sie muss strukturell sein. Kunst muss darauf hinarbeiten, autonome Infrastrukturen aufzubauen, die in der Lage sind, kulturelle Produktion von Zensur, Unterdrückung und der ausbeuterischen Logik der Geberwirtschaft zu befreien. In dieser Vision wird künstlerische Praxis zu einem Ort des Experimentierens mit alternativen Modellen der Regierungsführung und Umverteilung – indem wirtschaftliche und organisatorische Systeme aufgebaut werden, die sozial und politisch engagierte Künstler*innen unabhängig von institutioneller Förderung unterstützen. Durch materielle Arbeit (Tufting, Weben) und digitale diagrammatische Erzählung artikuliert „Anatomy of Autonomy“ Autonomie nicht als Isolation, sondern als kollektive Konstruktion – ein Vorschlag für infrastrukturelle Emanzipation innerhalb und jenseits des Kunstsystems.
Emanuele Braga (IT, born 1975) is an artist, researcher, and activist whose work focuses on the relationship between art, economics, and new technologies. In recent years, he has co-founded and developed several projects in collaboration with the Balletto Civile dance company, where he served as choreographer, performer, and teacher. He is also a co-founder of Macao; the Institute of Radical Imagination (IRI), a transnational artistic think tank questioning post-capitalist alternatives; and Landscape Choreography, a performance and research project for which he served as a director, curator, and researcher. He has also worked with Ebony Decolonize Work, a design platform for asylum seekers, and KINLab, an art space in Milan. Together with Fond B92, Landscape Choreography, Curve Labs and Reincantamento, Emanuele Braga is currently part of Shared Visions, an international initiative of and for visual artists ‘reshaping how we live, work and organise’.